INS KALTE (NORWEGISCHE) WASSER

Kreuzfahrt? Nein, danke. So hätte noch vor zwei Jahren unsere Antwort gelautet. Aus der Not heraus probierten wir es im vergangenen Sommer dann doch mit einem „Ja“. Und wurden durchaus positiv überrascht.

Mitten in die Zeit der Urlaubsplanung fiel die Diagnose: Laktose- und Fruktoseunverträglichkeit. Das tägliche Kochen mit möglichst frischen, saisonalen Produkten wurde mit plötzlich an einer Hand abzählbaren möglichen Zutaten zu einer kniffligen Angelegenheit. Die mich so sehr stresste, dass ich sie nicht mit in den Urlaub nehmen wollte.

Hatten wir uns sonst in Ferienwohnungen überwiegend selbst verpflegt, sollte nun eine andere Lösung her. Ich erinnerte mich an die Erzählungen einer ehemaligen Arbeitskollegin, wonach Gäste mit Unverträglichkeiten an Bord von Kreuzfahrtschiffen hervorragend versorgt sein sollten.
Aus dem großen „Nein!“ wurde ein „Vielleicht“. Und nach reichlich Recherche ein „Ja“.

Je näher die Reise rückte, desto mehr rückte das Thema Essen in den Hintergrund. Ganz vorn war plötzlich: Angst. Große Angst.
Ich war nie besonders gern auf Schiffen unterwegs. Eine turbulente Segelbootsfahrt in der Kindheit hatte ihr übriges dazu beigetragen. Mal hier und dort eine Hafenrundfahrt: okay. Aber so richtig raus aufs Meer, ohne Ufer zu sehen: undenkbar.

Was, wenn etwas passiert? Wie verantwortungslos, mein Kind einer solchen Gefahr auszusetzen. … Recherche zu Schiffsunglücken befeuerte diese und ähnliche Gedanken.
Wie gern hätte ich nun doch eine einfache Ferienwohnung gehabt und alle zwei Tage Nudeln mit Zucchini in Sahnesoße gekocht, im Wechsel mit Bratkartoffeln mit dampfgegartem Fenchel.

Nun, wir hatten gebucht. Mantraartig versuchte ich mir Vorfreude einzureden: Es wird schön werden. Grandios. Ganz sicher.

Und so machten wir uns an einem Mittwochmorgen Anfang August auf den Weg nach Hamburg, wo bei Abendsonne unser Schiff ablegte. 10 Tage sollten wir nun mit der AIDAsol die norwegischen Fjorde bereisen.

Die ersten Stunden sind ruhig, mein Mantra scheint zu wirken. Sowas wie Freude kommt in mir auf. Vorfreude auf Familienzeit, Vorfreude auf Bekochen-lassen ergo noch mehr Familienzeit.

In der Nacht spüre ich zum ersten Mal deutlich das Schaukeln des Schiffes. Ich bin beunruhigt und stehe immer wieder am Fenster. Beobachte die Wellen, die mir schon ziemlich hoch vorkommen. 3-4 Meter, wie wir am nächsten Morgen bei der Morgenansprache des Kapitäns erfahren haben.
Den ersten Tag, der auch unser erster Seetag ist, verbringen wir mit ausgiebigen Spaziergängen bei herrlichem Sonnenschein an Deck. Wir erkunden das Schiff, essen und schlafen. Prima.

Der Grund, weshalb wir unseren Urlaub auf dem Schiff verbringen – das Essen für Unverträglichkeitsgeplagte – ist, wie von erwähnter Kollegin versprochen: bestens.
Am Buffet sind für Allergiker geeignete Speisen gekennzeichnet, im Bella Donna Restaurant gibt es eigens für diese eine extra Theke. Dort kann Mittag und Abendessen nach Wunsch vorbestellt werden. Wir nutzen diesen Service mittagsschlafbedingt nur für das Abendessen.
Und sind gut versorgt.

Der Service ist erstklassig. Das vorbestellte Essen wird – im Buffetrestaurant! – vom Koch persönlich am Tisch serviert, wir bekommen statt laktosehaltiger Desserts ausgewähltes Obst.

Auch in anderen Bereichen sind wir angetan von der Herzlichkeit des Personals. Auf dem Zimmer erwarten unser Kind beispielsweise regelmäßig lustige Handtuchtiere.

An Tag 2 ist unser erster Landgang. Wir haben Glück. Ein Sonnentag in der Stadt mit 200 Regentagen im Jahr: Bergen. Wie auch in allen anderen Häfen haben wir keinerlei Ausflüge gebucht, um zeitlich unabhängig zu sein und flexibel auf Mittagsschlafzeiten reagieren zu können. Wir erkunden den Ort zu Fuß. Das geht gut. Besonders schön anzusehen: Bryggen. Ein historisches Hafenviertel mit Fischerhäusern aus Holz.

Erster Stop am dritten Tag: Hellesylt. Hier dürfen nur diejenigen von Bord, die einen Ausflug nach Geiranger gebucht haben. Schade.Nach der Enttäuschung am Vormittag etwas für uns Kreuzfahrt-Neulinge sehr Besonderes: in Geiranger tendern wir an Land.Nach den paar Schritten durch den idyllischen Ort mit seinen zauberhaften kleinen Cafes geht es entlang eines Wasserfalls eine Treppe hinauf zu einem Aussichtspunkt. Wir finden’s schön. Das hinauf getragene Kind schlummert – gerade oben angekommen – ein.

Tag 4: Molde. Kurzer Halt am Vormittag. Zeit für einen kleinen Spaziergang nach dem Frühstück. Und wieder meint es das Wetter gut mit uns. Traumhafte Kulisse mit schneebedeckten Bergen bei Sonnenschein.
Andalsnes am Nachmittag. Der Ort wirkt etwas kühl, ausgestorben. Vielleicht liegt es daran, dass es Sonntag ist? Gefällt uns nicht so gut. Der Weg hoch zu einem Aussichtspunkt ist uns nach Regen mit Kind im Gepäck zu rutschig, sodass wir schnell umkehren. Dem jüngsten Familienmitglied gefällt besonders ein Springbrunnen unweit des Hafens, bei dem kleine Fontänen aus dem Boden sprudeln. Uns auch.

In Trondheim begegnet uns am fünften Tag unserer Reise zum ersten Mal in Fülle der für Norwegens Fjordlandschaft übliche Regen. Mit aufgespannten Regenschirmen erkunden wir den Ort. Und finden eine tolle Mischung historischer und moderner Architektur. Sehr schön anzusehen. Für unser Kind gibt es viele über einer Einkaufsstraße baumelnde bunte Schirme zu bestaunen. Und einen Gabelstapler am Bahnhof.

Es ist mit 13 Grad und einer ordentlichen Portion Wind frisch in Alesund, wo wir einen Teil des sechsten Tages verbringen. Es gefällt uns. Charmante Jugendstilarchitektur. Leider viel Leerstand.Gegen Mittag legen wir diesmal schon ab und verbringen den „halben Seetag“ spazierend an Deck.

Ohne gebuchte Ausflüge erkunden wir zu Fuß die Orte unserer Reise. Wir kommen so zwar nicht weit vom Fleck, doch wir mögen es. Es genügt. Völlig. Auch an Tag 7 in Eidfjord. Hier ist es wunderbar ruhig, der Nieselregen verstärkt den Eindruck – weit und breit sind kaum Menschen unterwegs auf den kleinen Straßen.

Den letzten Hafen unserer Reise laufen wir am achten Tag an. Für uns nochmal ein Höhepunkt: Stavanger mit seinem wunderschönen historischen Stadtviertel mit weißen Holzhäusern und verwinkelten Kopfsteinpflastergassen am Hang. Vorsicht: Bei Regen ist es sehr rutschig.

Seetag an Tag 9. Spazieren an Deck. Und den Pool testen. Der Wind pustet uns um und in die Ohren. Und scheucht uns nach ein paar Minuten Planschen wieder aus dem Wasser. Schade, dass es keinen überdachten Pool gibt, den auch (Klein)Kinder nutzen dürfen (Wellnessbereich innen erst ab 16 Jahren).

Nach einer letzten Nacht mit Wellenschaukeln sind wir zurück in Hamburg. Es geht nach Hause. Erholt und um viele wundervolle Momente reicher.

20 Kommentare

  1. Hi! Ich bin begeister von dieser norwegischen Natur! Sehr malerische Landschaften!

  2. Freut mich für Euch, dass Euch die Kreuzfahrt gefallen hat. Mein Ding ist es nicht, ehrlich gesagt. Dafür um so mehr die herrliche norwegische Landschaft. Vor vielen Jahren habe ich mal eine ganz ähnliche Tour gemacht, mit dem VW Bus auf dem Landweg. Wie Euch hat auch mir Bergen ausgesprochen gut gefallen. Schöne Erinnerungen…
    LG Renate von Trippics

  3. Norwegen, ich fang schon an zu träumen. Irgendwann müssen wir da auch hin, zur Not auch mit einer Kreuzfahrt! Wobei wir vorher wahrscheinlich erst einmal aufs Festivalboot gehen 😀 Leider hat das Wort Kreuzfahrt immer so einen faden Beigeschmack, jedoch muss ich sagen, jeden den ich kenne, der mal auf einer Kreuzfahrt war, der schwärmte in den höchsten Tönen davon!

    Liebe Grüße
    Sarah

  4. Meine Oma hat mit meinem Opa auf Kreuzfahrtschiffen die ganze Welt bereist. Wirklich, die ganze Welt! Da gab es keinen Punkt auf der Karte, der nicht gesehen wurde. So toll! Deshalb hätte ich davor keine Angst, aber mit kleinen Kindern hatte ich dazu keine Lust. Jetzt sind sie größer, warten wir noch Corona ab. Ich plane derzeit einfach garnichts. Ist halt jetzt so.

    Lieben Gruß, Bea.

    • Liebe Bea, danke für deinen Kommentar. Da hatten deine Großeltern sicher immer viel zu berichten!? Herrlich.
      Und ich wünsche dir, dass du vielleicht auch schon ganz bald zu einer solchen Reise aufbrechen kannst.
      Lieben Gruß
      Anja

  5. Da konnte ich richtig etwas lernen. Da ich in meiner Praxis immer wieder von Allergikern gefragt werde, wie sich ein Urlaub stressfrei gestallten kann, weiß ich nun die Antwort.
    Alles Liebe
    Annette

  6. Was für eine traumhafte Natur. Ich stehe je eh auf kühlere Temperaturen und wilde Natur. Daher wäre das mein Traumurlaub. 🙂

  7. Ich liebe Kreuzfahrten und habe durch Kiel viele gesehen und kennenlernen dürfen. Toll das man auf das Essen da eingeht. Damit wurde die Angst schnell genommen. Schön das es dir gefallen hat.

    Liebe Grüße
    Julia

  8. Eine Kreuzfahrtschiffreise steht auch noch auf unserer Liste. Irgendwann, sag ich mir immer! In Norwegen waren wir übrigens vor 2 Jahren und ich glaube, am selben Ort wie auf deinen Bildern 🙂 Schön, dass es an Board so eine riesen Auswahl gibt, da hat man es auch als Passagier mit Allergien und Unverträglichkeiten leicht!

    Liebe Grüße
    Jana

  9. Wie schön, dass es mit dem Essen so gut geklappt hat! Das ist ja wirklich ein toller Service. Ich war auch schon auf der AIDA und mir hatte es gut gefallen. Man kann in recht kurzer Zeit einfach sehr viel sehen.

    Liebe Grüße,
    Diana

  10. Liebe Anja,
    Ach, Regen ist in der Fjordlandschaft in Norwegen gar nicht so üblich – in Bergen ja, aber andernorts ist das nicht unbedingt so. Immerhin ist Norwegen fast 2000 Kilometer lang.
    Ich muss gestehen, für mich käme eine Kreuzfahrt auch nicht infrage, aus Umwelt-Aspekten – und weil ich es immer ganz schlimm finde, wenn dann binnen Minuten Hunderte und Tausende Touristen in einem Ort einfallen. Aber ihr habt auf jeden Fall ein paar coole Eindrücke aus meinem Herzensland Norwegen mitgenommen.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

    • Liebe Miriam,
      ähnlich standen wir Kreuzfahrten auch gegenüber. In unserer Situation zu dem Zeitpunkt war es aber genau das Richtige für uns – ganz anders, als unsere bisherigen Reisen. Und es hat uns so gut gefallen, dass wir auf jeden Fall wieder fahren würden.
      Herzlichen Gruß
      Anja

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