MIT DEN FÜßEN AM HIMMEL (Rezension)

* „Schau mal, Mama, ich schaukel fast bis zu den Wolken!“, ruft das Kind voller Freude und Übermut und reckt die Füßchen weit nach oben. Zustimmend lächle ich von der benachbarten Schaukel. Und versuche ebenfalls, mit den Zehen den Himmel zu berühren. „Ich schaukel höher als du, Mama!“, höre ich dabei mein Kind von der Seite. Nun, mal sehen.

Wer ist stärker: Tiger oder Löwe?

Hätten Löwe und Tiger sich jemals im Schaukeln gemessen, wäre wohl heute bekannt, welches der beiden Tiere das stärkere ist. Oder etwa nicht?
Im Kinderbuch „Wenn zwei sich streiten“ der Spiegel-Bestseller- und Hummel-Bommel-Autorin Britta Sabbag versuchen die Raubkatzen genau das herauszufinden. Igor Lange begleitet die zwei Streitenden mit freundlichen Illustrationen.

Zunächst jedoch müssen sie sich auf den Weg zueinander machen, schließlich ist ihre Heimat nicht dieselbe. Treffpunkt für das Duell ist die Lichtung eines Waldes. Schnell wird es ausgetragen sein, da sind sich die Tiere sicher. Und ausnahmsweise einig. Denn der Löwe weiß es bereits: Er ist der Stärkere. Dasselbe denkt der Tiger von sich. Wer wohl Recht behält?

Die Freude des Dritten

Das Baumstammheben verrät es noch nicht. Tiger und Löwe schleppen gleich schwere Holzstücke. Auch der Weitsprung über den Bach gibt leider keine Antwort. Und nicht das Steinschieben, das Tauchen, der Hochsprung, das Balancieren am Abgrund oder das Wettessen. Löwe und Tiger sind ratlos. Ebenso die übrigen Tiere des Waldes. Bis sich, getreu dem Sprichwort „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“ ein weiteres Tier in den Wettstreit einbringt und für eine verblüffende Wendung sorgt.

Was wirklich zählt, liegt in uns

Schneller, höher, weiter, leiser, lauter, besser – wer kann was und wieviel davon? Und vielleicht mehr als ich? Derart Vergleiche sind zutiefst menschlich. Doch oftmals alles andere als zielführend. Und noch weniger wichtig das Ergebnis.

Vielmehr kommt es darauf an, sich selbst als wertvoll zu begreifen. Losgelöst von sämtlichen Fähigkeiten.
Und dann – irgendwann vielleicht – die eigenen inneren Stärken (und Schwächen!) zu erkennen und anzunehmen. Liebevoll und wertungsfrei.

Spannende und humorvolle Handlung in kindgerechter Sprache

Auf kindgerechte Weise vermittelt Britta Sabbag in ihrer zeitgemäßen Fabel von Tiger und Löwe, dass äußere Stärke nebensächlich ist. Die studierte Sprachwissenschaftlerin baut in leicht verständlichen Sätzen eine Handlung auf, die gleichermaßen spannend und zum Schmunzeln ist. Die sich aus den verschiedenen Wettkämpfen ergebende Rhythmik macht die Geschichte selbst für die jüngsten Leser und Zuhörer überschau- und greifbar. Der nach jeder Disziplin wiederkehrende Satz zur Ratlosigkeit der Waldtiere, die dem Spektakel beiwohnen, untermalt sowohl die Regelmäßigkeit im Aufbau des Textes als auch die Abstrusität eines jeden weiteren Wettspiels. Selbst Löwe und Tiger sind es letztlich leid.

Zwei starke Charaktere

Feinfühlig stellt Britta Sabbag beide Protagonisten auf dieselbe Stufe des Siegertreppchens. Auf mehreren Ebenen. Tiger und Löwe sind offensichtlich nicht nur gleich stark, sondern auch gleich sympathisch. Sie sind freundlich, gutmütig und äußerst menschlich. Es ist ungemein einfach, sie beide gern zu haben. Stärke rückt immer mehr in den Hintergrund. Bis sie mit dem Auftritt des Dritten völlig verschwindet. Und die starke Botschaft von der Wichtigkeit innerer Werte offenliegt.

Fröhlich Streitende

Igor Langes Zeichnungen geben den tierischen Charakteren eben diesen auf der Textebene vermittelten friedvollen Ausdruck. Trotz des allgegenwärtigen Wettstreits sind die Gesichtszüge von Löwe und Tiger fröhlich und entspannt. Nur im Ansatz, in den zueinander gezogenen buschigen Augenbrauen, ist der Siegeswille zu erahnen. Sensibel ist dem studierten Designer der bildliche Spagat zwischen Streitszenerie und dennoch respektvoller, wertschätzender Grundstimmung gelungen.  
Dieselbe findet sich in der hellwarmen Farbstimmung wieder. Orange-, Braun- und Grüntöne überwiegen, fein akzentuiert mit den Farben verschiedenster Details, welche die Bilder so lebendig wirken lassen – rote, orange, blaue Käfer, rosa Raupen, gelbe Schmetterlinge. Ameise, Spinne und Skorpion. Und allerlei andere Krabbeltiere. Jedes Bild für sich lädt zum Entdecken ein.

Detailreich und liebevoll gestaltete Illustrationen

Während die Haupthandlung in den Illustrationen klar und auf den ersten Blick erkennbar ist, lohnt es sich, darüber hinaus hinzusehen. So finden sich außer den sechs- und achtbeinigen Nebendarstellern weitere wunderbare Kleinigkeiten. Die Mähne des Löwen beispielsweise. Sie ist nicht etwa einfarbig, sondern hell- und dunkelbraun, rot, weiß und orange. In die Rinde eines Baumes sowie in einen Stein geritzt sind Initialen. A und J, vielleicht stellvertretend für die Namen derer, denen der Illustrator das Buch gewidmet hat. Der lässige Flusskrebs, der unter Wasser eine Sonnenbrille trägt. Und der irritierte Frosch, der nach dem Tigersprung ins Wasser plötzlich auf dessen Schwanz baumelt.

Selbst das Vorsatzpapier ist aufwendig gestaltet. Doppelseitenfüllend winden sich die markanten Schwänze von Tiger und Löwe über den Hintergrund aus dunkelgrünen Pfotenabdrücken. Nicht nur ein origineller Einstieg und Ausgang, sondern auch ein subtiler Hinweis auf die heitere Atmosphäre des Buches.

Zeitgemäße Fabel von der Suche nach dem Stärksten

In der Summe der altersgemäßen und einfühlsamen, der raffinierten und fantasievollen Darstellungen auf Text- und Bildebene haben Britta Sabbag und Igor Lange mit „Wenn zwei sich streiten“ eine wunderbare Tierfabel gestaltet. Mit der wertvollen Botschaft, dass wirkliche Stärke nicht auf körperlichen Eigenschaften oder Fähigkeiten beruht, sondern auf inneren Werten. Und vielleicht auch ein wenig mit dem Hinweis, dass Streit in Ordnung ist. Solange wir einander wohlwollend gegenüber stehen.

Wir haben indes das Schaukelgeschehen völlig streitfrei ausgetragen. Ganz klar, dass das Kind höher schaukelt – mir wird dabei schrecklich schwindelig.

Titel: Wenn zwei sich streiten
Urheber: Britta Sabbag (Autorin), Igor Lange (Illustrator)
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Umfang: Hardcover, 32 Seiten
Maße: 288 mm x 222 mm
Herausgeber: Verlag arsEdition
Veröffentlichung: 01. März 2021
ISBN: 978-3-8458-4049-9
Preis: 15,00 Euro [D], 15,50 Euro [A]

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag arsEdition

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „Wenn zwei sich streiten“ zur Verfügung gestellt, er ist demnach Werbung. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für das schöne Buch und die unkomplizierte und freundliche Kommunikation, liebe Marlena! ♡

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16 Kommentare

  1. Hey. Das klingt total nett und sympathisch!

  2. Liebe Anja,
    Bei deinem ersten Satz ging mir sofort durch den Kopf: Wie sollen die sich denn treffen, der eine lebt in Asien, der andere in Afrika 😉 Aber man weiß ja nie, vielleicht treffen sie sich ja irgendwann doch mal in einem Wald. Ich finde die Idee, die beiden Raubkatzen gegeneinander antreten zu lassen, sehr schön und glaube, dass es vielen Kindern Mut machen kann, sich den eigenen Stärken bewusst zu werden. Und mit den Füßen zum Himmel schaukeln, das habe ich früher auch geliebt 😉
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

  3. Liebe Anja,

    genau solche Bücher liebe ich. Nicht nur für unsere Kinder sind diese Fabeln sinnvoll und wichtig, persönlich denke ich ja, dass wir Erwachsenen auch davon profitieren. Wie oft vergleichen Mütter ihre Kinder miteinander… Es ist, wie du es geschrieben hast. Es ist zu tiefst menschlich.
    Das Buch habe ich mir notiert, weil ich auch von den beschriebenen Illustrationen begeistert bin. Ich liebe es einfach, wenn noch nebenbei etwas zu entdecken gibt.

    Liebe Grüße
    Mo

    • Liebe Mo,
      da stimme ich vollkommen mit dir überein – diese Vergleiche (auch von Müttern bezüglich ihrer Kinder) sind zwar irgendwie „natürlich“, aber eher schädigend für den Selbstwert der Kinder. Deshalb ist es so wichtig, sich – unabhängig irgendwelcher Fähigkeiten – auf sich zu besinnen. Das Buch lädt in jedem Fall Groß und Klein dazu ein. 🙂
      Herzliche Grüße
      Anja

  4. Schöne Rezension einer wunderbaren Fabel. Tiger gegen Löwe fällt aus dem normalen Schema heraus, weil auf dem ersten Blick beide ziemlich stark sind. Die Geschichte werde ich meiner Tochter mal vorlesen. Danke für die Empfehlung.

  5. Ach, da kriege ich sofort Lust, das Buch zu lesen und mir die wunderschönen Illustrationen anzuschauen. Klingt nach einem richtig tollen Kinderbuch, an dem auch wir Erwachsenen Spaß haben können. Kennst Du Puh, der Bär? Mein Lieblingskinderbuch. Das hier scheint ein kleines Bisschen so ähnlich zu sein…
    LG Renate von Trippics

  6. Es ist immer so schwierig, passende Mitbringsel für die Enkel zu finden – da bin ich direkt dankbar für solche tollen Tipps. Bücher gehen immer. Danke Dir!

  7. Hallo,

    für mich ein doch sehr süßes Buch und einmal was anderes. Abwechslung.
    Das kam bestimmt gut an und die süßes Zeichnungen, Regt die Fantasie an.
    Viel mit dem Buch und viele Fantaisen.

    Liebe Grüße
    Julis

  8. Hab ich schon mal geschrieben, dass ich deine Beitragsbilder immer toll finde? Du hast coole Ideen dafür! Das Buch habe ich ja gerade schon auf Facebook entdeckt! Wie ich sehe, hat es eine entfernte Kollegin von mir geschrieben! Sprachwissenschaften habe ich nämlich auch studiert 😉

    Liebe Grüße
    Jana

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