VON DEN WELTEN ZWISCHEN GUT UND BÖSE (Rezension: Der böse Kern; Das gute Ei)

* Was liegt zwischen Gut und Böse? Wo sind wir am besten aufgehoben? Und welcher Weg führt uns dorthin? Dass zumindest die beiden Extreme für alle Beteiligten äußerst zehrend sein können, zeigen die Kinderbücher „Der böse Kern“ und „Das gute Ei“, Ende März dieses Jahres herausgegeben vom Adrian & Wimmelbuchverlag. Autor Jory John und Illustrator Pete Oswald lassen in den Geschichten ihre nahrhaften Protagonisten selbst zu Wort kommen.

Auf dem Weg von Böse zu Gut

Dabei können Kern und Ei unterschiedlicher kaum sein. Der böse Kern ist ständig griesgrämig, übellaunig und durch und durch rücksichtslos. Er lügt, erzählt schlechte Witze, drängelt sich vor und kommt immer zu spät. Die anderen Kerne reden hinter seinem Rücken über ihn. Und der böse Kern hört sie. Nun könnte man meinen, es sei ihm egal. Doch das stimmt nur an der Oberfläche. Denn er war nicht immer böse. Die Summe seiner Erfahrungen hat aus einem fröhlichen Kern einen bösen Kern gemacht. Aufgewachsen ist er nämlich behütet und glücklich in einer großen Sonnenblumenkernfamilie. Bis die Blume verblühte. Und der kleine Kern mit etlichen anderen in eine dunkle Tüte gesperrt wurde. Fast verspeist, in letzter Sekunde wieder ausgespuckt, landet er schwer verletzt in einem Kaugummi. Die traumatischen Erlebnisse brechen seine schwarz-weiße Schale. Sie heilt, doch es bleiben Spuren zurück. Und ein Kern, der böse ist.

Das gute Ei hingegen ist freundlich und zuvorkommend. Es erledigt Einkäufe, gießt die Blumen und wechselt Autoreifen. Es hilft, wo es nur kann. Und opfert sich damit regelrecht auf. Denn es lebt in einer Pappe mit elf Eierchaoten. Denen es hinterherputzt. Die es umsorgt. Und für deren verletzende Scherze es herhält. Bis seine Schale bricht.

Das gute Ei spürt, dass es seine vermeintlichen Eierfreunde verlassen muss. Es geht spazieren, malt, liest Bücher und schreibt Tagebuch. In der Ruhe und Selbstfürsorge heilt seine Schale. Und es vermisst die anderen Eier. Innerlich und äußerlich gestärkt kehrt es zurück. Die Auszeit hat es gelehrt, sich selbst auch im größten Tumult nicht aus den Augen zu verlieren. Und sich so anzunehmen, wie es ist. Ein Ei. Ohne Perfektion. So findet es schließlich seinen neuen, besseren Platz in der Eierpappe.

Auch der böse Kern muss erst größten Schmerz erfahren, um einen neuen Weg für sich selbst zu finden. Die Beschimpfungen der anderen Kerne ist er leid. Er beschließt, nicht mehr böse zu sein. Und es funktioniert. Mal mehr, mal weniger gut. Auch der Kern ist nicht perfekt. Aber letztlich irgendwo zwischen Gut und Böse.

Jory John lässt Kern und Ei erzählen

In wenigen kurzen Sätzen, die in ihrer Art an Comics erinnern, erzählt Jory John die berührenden Geschichten der zwei ungleichen und sich doch so ähnlichen Lebensmittel-Charaktere. Aus Kern- und Ei-Sicht bekommen wir einen Einblick in das Leben und die Gefühlswelt derselben. Wir erfahren quasi aus erster Hand, wie unwohl sich die beiden in ihren Rollen fühlen. Und dass es mitnichten freie Entscheidungen waren, böse und gut zu sein. Sondern Resultate der eigenen Vergangenheit und prägenden Erfahrungen. So wundert es nicht, dass die beiden Protagonisten das Verhalten ihrer Mitkerne und -eier zutiefst verletzt, wenngleich sie es lange Zeit schaffen, es hinter ihren harten Schalen zu verbergen.

Der knappe und stellenweise humorvolle Erzählstil bringt Leichtigkeit in ungeheuer schwere Themen. Einerseits schafft es Jory John auf diese Weise, die Problematik kindgerecht und einfach zugänglich zu gestalten. Betroffene Kinder und ihre Familien können sich durchaus in den Handlungen wiederfinden. Andererseits gehen in der Kürze wichtige Erklärungen verloren. Die es in unseren Augen dringend bräuchte. Warum zum Beispiel möchte der böse Kern plötzlich nicht mehr böse sein? Schafft er den Wandel allein oder bekommt er Hilfe? Wieso ist das Ei so selbstzerstörerisch gut, so überangepasst? Und wie geht es ihm, nach der Auszeit zurück in der Eierpappe? Hier können und sollten eigene Erklärungen während des Vorlesens helfen, um die Bücher der Zielgruppe, Kindern ab einem Alter von drei Jahren, verständlich zu machen.

So können die wertvollen Botschaften greifbar werden. Davon, dass niemand aufgrund seines Verhaltens vorschnell be- oder verurteilt werden sollte, solange die Hintergründe unbekannt sind. Und von intrinsisch motivierter Veränderung, die immer möglich ist. Zu jedem Zeitpunkt des Lebens.

Humorvolle Bilder mit ausdrucksstarken Charakteren

Auf der Bildenene setzt Pete Oswald den leichten Comicstil fort. Die in beiden Büchern von Pastelltönen getragenen Zeichnungen lassen die Schwere der Thematik nicht erahnen. Wie bereits auf der Erzählebene erleichtert die humorvolle bildliche Umsetzung der Geschehnisse den Einstieg in die Handlungen. Sie könnten beschwingte Bilderbuchgeschichten sein. Wäre da nicht die Dramatik, die Grau und Schwarz leise durchschimmert. Betroffene können sich in den starken Charakteren, denen der Wandel gelingt, wiederfinden und über die Bilder ins Gespräch kommen. Für Kinder ohne Anknüpfungspunkte könnten eher Fragen aufgeworfen werden.

Beeindruckend sind in beiden Bilderbüchern die ausdrucksstarken Gesichter der kulleraugigen Kerne und Eier. Pete Oswald gelingt es, äußerst kindgerecht und einfach ablesbar vielfältige Emotionen darzustellen. Die unterschiedlichen Charaktere der Kernwelt und der Eierpappe mit ihren Empfindungen bieten viel Raum für eigene Geschichten. Was wohl die Erdnussmama ihrem Kind über den bösen Kern erzählt? Und wie sich das zweite Ei von links in der vorderen Reihe nur fühlen mag, eng eingeklemmt in der Pappe und vom Hintermann – pardon: -ei – wild durchgekitzelt? Welches ist der beste Kern aus „Der böse Kern“? Und welches das schlechteste Ei in „Das gute Ei“?

Detailreiche Buchgestaltung

Zu Gesprächen laden außerdem die liebevoll gestalteten Vorsatzpapiere ein. In weißen Umrissen auf rotem Grund schaut uns vorn zum einen der grimmige böse Kern zwischen Cashew-, Pistazien- und Kürbiskernen entgegen. Auf dem hinteren Vorsatz lächelt er. Zum anderen grinst vorn auf Hellblau das weißumrandete Ei zwischen Croissant, Radieschen und Waffel hervor. Hinten ebenso. Kern und Ei, beide haben einen lebensverändernden Wandel hinter sich – der eine nach außen sichtbar, der andere innerlich spürbar.

Spürbar, beim Darüberstreichen fühlbar, sind auch die beiden partiell lackiert von den Einbänden glänzenden Protagonisten. Sie laden zum (Buch-)Entdecken ein, mit vielen Sinnen.

Zwei Kinderbücher, jedes für sich von berührender Tiefe und Tragik hinter der humorvollen Fassade. Lesenswert, besonders für Familien mit Bezug zu den Themen Traumata und psychosoziale Auffälligkeiten. Jedoch unbedingt in geduldiger und einfühlsamer, liebevoller und achtsamer Begleitung.

Titel: Der böse Kern
Urheber: Jory John (Autor), Pete Oswald (Illustrator)
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Umfang: 32 Seiten, Gebunden
Maße: 23,6 x 28,3 cm
Herausgeber: Adrian & Wimmelbuchverlag
Veröffentlichung: 26. März 2021
ISBN: ‎978-3948638689
Preis: 12,95 Euro

Original Titel: The Bad Seed
Original Verlag: HarperCollins Children’s Books
Original Sprache: Englisch
Übersetzerin: Gerda Maria Pum

Titel: Das gute Ei
Urheber: Jory John (Autor), Pete Oswald (Illustrator)
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Umfang: 32 Seiten, Gebunden
Maße: 23,6 x 28,4 cm
Herausgeber: Adrian & Wimmelbuchverlag
Veröffentlichung: 31. März 2021
ISBN: ‎978-3948638696
Preis: 12,95 Euro

Original Titel: The Good Egg
Original Verlag: HarperCollins Children’s Books
Original Sprache: Englisch
Übersetzerin: Gerda Maria Pum

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafiken: Adrian & Wimmelbuchverlag

* Für den Beitrag wurde uns jeweils ein Rezensionsexemplar der Bücher „Das gute Ei“ und „Der böse Kern“ zur Verfügung gestellt. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für die Bücher und die unkomplizierte und herzliche Kommunikation, liebe Kristina! ♡

Weitere BUCHentdeckungen aus dem Adrian & Wimmelbuchverlag findet ihr hier. All unsere BUCHentdeckungen sind hier gesammelt.

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