DER KLANG VON SCHNEE (Rezension: In einer weißen Winternacht)

* Bei jedem Schritt knirscht es lustig unter den Füßen – Wir stapfen durch die schneeweiße Winterwelt. Wie das Brausen einer Welle, die sanft an den Strand spült, klingt es – Der Wind weht schneebestäubte Bäume kahl. Wenige Stunden später ist es ruhig – In vollkommener Stille schweben weiße Flocken vom dunkelblauen Nachthimmel. „Können wir Schnee hören?“, fragt das Kind. Und lauscht den Antworten.

Einem Innehalten und Lauschen, einem Beobachten und Staunen gleicht das Lesen und Betrachten des Bilderbuches „In einer weißen Winternacht“ von Jean E. Pendziwol und Isabelle Arsenault, veröffentlicht im Verlag Freies Geistesleben. Langsam und leise entsteht in zauberhaften Worten und kunstvollen Zeichnungen das Bild einer Winternacht im hohen Norden.

Leises Leben der winterlichen Nacht

Nachts schläft ein kleines Kind, warm eingekuschelt in eine weiche Decke. Schneeflocken hüllen unterdessen die Welt in eine weiße Decke. Leise. Friedlich.

In der Stille jedoch regt sich Leben. Leise und friedlich zeigen sich Reh und Eule, Fuchs, Maus und Hase. Funkeln Sterne am Himmel. Flackern Nordlichter in die Dunkelheit. Malt der Frost zarte Blumen rings um das Fenster zum Zimmer des Kindes. Sie rahmen das Bild der weißen Winternacht.

Liebevolle, sanfte Verse

Aus Sicht einer Mutter, die für ihr schlafendes Kind in einer weißen Winternacht ein Bild von eben dieser zeichnet, betrachten wir die Wunder, die sich draußen und auf dem Blatt Papier zeigen. In ruhigen Worten erzählt Jean E. Pendziwol von der Einzigartigkeit und Vollkommenheit der Schneeflocken. So wie das Kind sind sie. Die Autorin aus Ontario lässt reimlos wohlklingende Verse schneeflockengleich und leicht zu einer Geschichte zueinanderrieseln. Es entsteht ein überaus angenehmer Lesefluss, dessen Tempo sich den Begebenheiten der Nacht anpasst.

Doppelseitenweise trifft mehr Leben auf die Schneelandschaft. Stets eingeleitet mit dem selben Vers, der dem Titel des Buches entspricht. Dunkelgrüne Kiefernnadelbüschel fangen weiße Flocken auf, Tiere hinterlassen ihre Spuren im Schnee, Naturwunder durchziehen das Dunkel. All das scheint völlig geräuschlos zu geschehen. Die Worte in ihrer ganz eigenen Dynamik laden ein zu flüstern.

Um nur das Kind nicht zu wecken. Die spürbare Achtsamkeit schafft ein Gefühl von Umsorgtsein, als würde der eigene Schlaf bewacht werden. Genau so sollte sich eine Nacht für Kinder anfühlen. Warm und geborgen.

Während Jean E. Pendziwol den Mond sanft das Kind küssen und den Wind leise liebe Worte flüstern lässt, ist der kleine Protagonist erwacht. Durch das Fenster betrachtet er die Spuren der Winternacht. Während kleine Zuhörer schlummern. Warm und geborgen.

Ruhige, ausdrucksstarke Zeichnungen

Während wir der ruhigen, poetischen Geschichte lauschen, lässt uns Isabelle Arsenault aus dem Fenster schauen. In Ausschnitten zeichnet die Illustratorin, die bereits drei Mal mit dem kanadischen „Governor General’s Literary Award“ ausgezeichnet worden ist und deren Bücher mehrfach auf der „Liste der 10 besten illustrierten Bücher“ der New York Times vertreten waren, das Bild der weißen Winternacht. Und fügt es am Morgen zu einem Ganzen zusammen. Zu dem Bild, welches das Kind beim Blick aus dem von Eisblumen umrandeten Fenster sieht. 

Die Stille, welche die Verse tragen, ist in den Zeichnungen sichtbar. Die nächtliche Winterwelt scheint den Atem anzuhalten. Schwarz, Weiß und Sandtöne tragen die Farbstimmung und transportieren Ruhe. Punktuell begegnen wir dem Leben. Das seitenweise mal sattgrün daherkommt wie Kiefernnadeln. Kräftigrot wie letzte Äpfel am Baum. Dunkelblau wie der Frost, der eisige Muster malt auf Seen und an Fenster. So minimal die Farbigkeit der Illustrationen sein mag, so ausdrucksstark ist sie doch. Wie auf teilweise kolorierten Schwarz-Weiß-Fotografien. Wie Farbkleckse im Schnee.

Jede der kunstvollen Illustrationen scheint mit eben solcher Ruhe gefertigt zu sein, wie sie sie ausstrahlt. Weich gezeichnete Linien fügen sich sandfarben zur wärmenden Decke des Kindes. Striche in verschiedensten Stärken formen Bäume, Sträucher und Gräser. Und selbst das Dunkel der Nacht ist eine dichte Überlagerung feiner Strukturen. Aus der hell die Sterne glänzen.

Umarmung aus Worten und Bildern

Jean E. Pendziwol und Isabelle Arsenault gelingt mit dem Titel „In einer weißen Winternacht“ eine herzliche Wintergeschichte, so angenehm und warm wie eine vertraute Umarmung. Eine wunderbare Liebeserklärung. An die Natur und ihre Bewohner, an die kalte Jahreszeit, an die, die es zu umarmen gilt: unsere Kinder. Ein zauberhaftes Bilderbuch für kleine Menschen. Und für Große.

Titel: In einer weißen Winternacht
Urheber: Jean E. Pendziwol (Autorin), Isabelle Arsenault (Illustratorin)
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Umfang: 36 Seiten, gebunden
Maße: 27.3 x 22.2 cm
Herausgeber: Verlag Freies Geistesleben
Veröffentlichung: 3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7725-2682-4
Preis: 14,90 Euro

Original Titel: Once Upon A Nothern Night
Original Verlag: Walker Books, London
Original Sprache: Englisch
Übersetzerin: Brigitte Elbe

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „In einer weißen Winternacht“ zur Verfügung gestellt. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für das schöne Buch und die vertrauensvolle, unkomplizierte und herzliche Kommunikation, liebe Claudia Rehm! ♡

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