EIN WINTER IN SCHWEDEN VOR 100 JAHREN (Rezension: Olles Reise zu König Winter)

* Man sollte meinen, die in unseren Breiten schneelosen Winter seien ein recht neues Problem, bedingt durch die stetige Erderwärmung. Zumindest erinnere ich mich, dass in meiner Kindheit noch Verlass war auf dicke Schneewolken, Frau Holle und König Winter. Oder wer auch immer für weiße Winterwochen verantwortlich sein mag.

Doch offenbar fürchteten Kinder bereits im Jahr 1907 tropfnasse und matschgraue Tage in der eigentlich doch kalten Jahreszeit. Und das in Schweden. Denn dort ist in dem Jahr Elsa Beskows Kinderbuch „Olles Reise zu König Winter“ erstmals erschienen. Aus dem Schwedischen übersetzt von Diethild Plattner, hat der Verlag Urachhaus die wunderbare Wintergeschichte im vergangenen Jahr bereits in der elften Auflage herausgegeben. Und bringt kleinen und großen Lesern damit weißglitzernden Zauber in den (schneefreien) Winter.

Sehnsucht nach weißem Winter

Olle wünscht sich den Winter herbei. In diesem Jahr noch mehr als sonst, denn zu seinem sechsten Geburtstag hat er Skier geschenkt bekommen. Als der Wunsch endlich in Erfüllung geht, macht der Junge einen Ausflug durch den winterlichen Wald. Dort trifft Olle auf Väterchen Raureif, der die Natur in einen weißen Mantel hüllt. Immer wieder kommt ihm Mütterchen Tau in die Quere. Wohin die Alte geht, lässt sie Schnee und Eis schmelzen. Viel zu früh, ist es doch längst noch nicht Frühling. Doch Väterchen Raureif findet eine Lösung und zieht mit Olle durch die weiße Landschaft. Bis zu König Winters Schloss. Wo Olle ein kleines Winterwunder erlebt. Das Glück des Abenteuers im Herzen, kehrt der Junge nach Hause zurück. Und findet schließlich doch noch Gefallen am beginnenden Frühling.

Authentische, kindgerechte Sprache

Einfühlsam beschreibt Elsa Beskow Olles kindliche Sehnsucht. Als Antwort schenkt ihm die 1874 in Stockholm geborene Autorin und Illustratorin ein wundersames Wintermärchen. Die Sprache ist authentisch und passt in die Entstehungszeit der Geschichte. Diesem Umstand entsprechend muss während des Lesens hin und wieder ein Begriff erklärt werden. Die Handlung jedoch ist kindgerecht und leicht verständlich erzählt. Die gelegentlichen Erklärungen stören in unseren Augen den Lesefluss nicht. Sie lassen uns ein Gefühl für die Zeit gewinnen, in der die Geschichte handelt. Und bereichern unser aller Wortschatz.

Wie selbstverständlich lässt Elsa Beskow Olle auf Väterchen Raureif, Mütterchen Tau und König Winter treffen. Es steht gar nicht zur Debatte, ob es diese Figuren gibt oder nicht – so ungezwungen und wirklich kommen sie daher. Und ebenso interagiert der kleine Protagonist mit ihnen. Die stimmige Komposition aus Realität, Wünschen und Träumen macht den Zugang zu dieser zauberhaften Fantasiewelt so einfach. Wir lesen und alles geschieht einfach. Als müsste es genau so sein.

Zeichnungen voller Wärme, Gutmütigkeit und Zauber

Ähnlich natürlich tauchen die fantastischen Charaktere in den Zeichnungen der einflussreichen Künstlerin auf, die bis zu ihrem Tod im Jahr 1953 etwa fünfzig Bücher schrieb und illustrierte. Nirgendwo gibt es Glitzer und Blingbling oder eine große Staubwolke, mit welcher der Zauber verpufft. Wir sind mittendrin im Traum. Der sich ungeheuer wirklich anfühlt.

Der Bildaufbau der Illustrationen ist einfach gehalten. Selbst jüngste Bilderbuchfreunde können darüber mit etwas Fantasie in die winterweiße Traumwelt reisen. Gleichzeitig sind viele liebevoll gestaltete Details in den Aquarellen und Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu entdecken – das Bild eines Segelbootes bei starkem Wellengang an der Wand hinter Olles Geburtstagstisch zum Beispiel, die aufwendig gestaltete Kleidung aller Charaktere, die beeindruckende Weite des nordischen Winterwaldes, durch den Väterchen Frost mit seinem Rentier zieht.

Die Aquarelle sind in klaren, freundlichen Farben gearbeitet. Trotz des winterlichen Themas vermitteln sie Wärme, Geborgenheit. Die Gesichtszüge sind äußerst ausdrucksstark. Die der Kinder sind weich und friedlich – mal staunend, mal wütend, mal ängstlich, mal voller Freude. Wohingegen das Gesicht von Mütterchen Tau von tiefen Falten zerfurcht ist, jedoch nicht weniger warmherzig wirkt. Ihr ist die Schwere der Arbeit, des Schneefegens zum Frühlingsbeginn, deutlich anzusehen. Genauso wie die ehrliche Freude über das erste Grün der Wiesen und die ersten zarten Blumen. Ein Gewinn. Besonders für Kinder, die die Bandbreite der Gefühlswelt gerade erst kennenlernen.

Bilderbuchklassiker in edlem Gewand

Die aufwendige Bindung des Buches in Halbleinen mit Goldlettern entlang des Buchrückens wird der Bedeutung dieses Buchschatzes gerecht. Elsa Beskow transportiert mit ihren Büchern ein Stück der Kultur ihrer Zeit. Nicht grundlos sind die Titel in fünfzehn Sprachen übersetzt worden und erscheinen bis heute weltweit.

Geschrieben und gezeichnet vor mehr als hundert Jahren, ist das Kinderbuch „Olles Reise zu König Winter“ noch immer aktuell. Sprache und Bilder lassen erahnen, wann die Geschichte entstand, und bringen diese ganz besondere Stimmung längst vergangener Zeit mit sich. Ein wunderbarer Bilderbuchklassiker, der gewiss noch etliche weitere Jahre Winterzauber verbreiten wird.

Titel: Olles Reise zu König Winter
Urheber: Elsa Beskow (Autorin und Illustratorin)
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Umfang: 32 Seiten, Halbleinen
Maße: 26 x 21 cm
Herausgeber: Verlag Urachhaus
Veröffentlichung: 11. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8251-7465-1
Preis: 16,00 Euro

Original Titel: Olles skidfärd
Original Verlag: Bonnier Carlsen Bokförlag, Stockholm, Schweden 
Original Sprache: Schwedisch
Übersetzerin: Diethild Plattner

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „Olles Reise zu König Winter“ zur Verfügung gestellt. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für das schöne Buch und die vertrauensvolle, unkomplizierte und herzliche Kommunikation, liebe Claudia Rehm! ♡

Weitere BUCHentdeckungen aus dem Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus findet ihr hier. All unsere BUCHentdeckungen sind hier gesammelt.

16 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese bezaubernde Besprechung! Es ist so schön zu sehen, dass dieser schwedische Klassiker auch in der 11. Auflage immer noch neue Liebhaber:innen finden kann.
    Ganz herzlich,
    Michael Stehle

  2. Oh ja ich erinnere mich auch gerne an die Winter als Kind zurück – mit Meterhohem Schnee im Garten. Das war echt toll. Zum Glück wohnen wir recht hoch und sind daher auch von tollen Schneelandschaften nie weit entfernt. Danke für den Buchtipp, mein Kleiner ist zwar erst 14 Monate, liebt es aber in Büchern zu blättern. Und gefühlt kaufe ich jede Woche ein Neues. Gut, dass man nie genug Bücher haben kann! 🙂

    Liebe Grüße,
    Verena

  3. Hallo Anja,
    na sowas. Da lese ich so gerne und oft Geschichten vor – auch über Winter und über Schweden, und habe noch nie von Elsa Beskow gehört. Vielen Dank, dass Du diese Bildungslücke geschlossen hast. Das klingt wirklich toll und solange Mütterchen Tau noch nicht da ist, werde ich mir das Buch mal vornehmen – das klingt so, als könnte man es auch in der Bücherei finden.
    Liebe Grüße
    Bastian

  4. Schweden ohne Schnee im Winter kann ich mir gar nicht vorstellen. Aber leider sieht es ja nicht gut aus, mit der Klimaerwärmung. Ich wünsche den Kindern noch lange schöne Erinnerungen an tief verschneite Landschaften, rodeln, skifahren oder einfach mal ne Schneeballschlacht.

  5. Das hört sich nach einem tollen Buch an und ich liebe skandinavische Bücher sowieso. Die Beschreibung zu den Gefühlswelten macht Lust das Buch zu kaufen als Geschenk. Vielen Dank für den Tipp.
    LG
    Cindy

  6. Oh die Geschichte klingt wirklich süß! Wie gerne würde ich zum Schloss von König Winter reisen und Mütterchen Tau dort bis März einsperren, damit wir selber einen schönen Winter bekommen. MIr fehlt der Schnee auch, aber bei ungemütlichen 1-5 Grad kann es mit der weißen Pracht wohl noch etwas dauern…

  7. Interessant, dass die Geschichte schon so alt ist und dass es damals auch Winter gegeben hat (zumindest in de Geschichte) die wenig winterlich waren! Als Kind war Schnee für mich auch das Größte! Aber heute stört er mich eher, wenn er matschig oder zu hoch auf den Gehwegen liegt, wenn ich mit dem Rad zum Hausbesuch radeln muss 🙂

    Trotzdem ein schönes Kinderbuch für Winterliebhaber!

    Liebe Grüße
    Jana

    • Liebe Jana,
      dass der Schnee beim Radfahren hinderlich ist, kenne ich. Aber ich mag Schnee auch sehr gern. Erst vor wenigen Tagen habe ich mit meinem Kind gefühlt jede weiße Flocke von der Wiese gekratzt, um genug Schnee für einen Mini-Schneemann zusammen zu bekommen.
      Herzliche Grüße
      Anja

  8. Hallo, Wärme und Gutmütigkeit ist das, was Kinder brauchen. Wie schön, dass dieses buch so den Nerv trifft und damit sicherlich einfühlsam die Kinder in ihrer Fantasie abholt. Danke fürs vorstellen. VG, Sirit

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