GEHEIMNISSE ZUM VERRATEN (Rezension)

* „Komm, Mama!“, sagt das Kind, nimmt meine Hand und zerrt mich schnurstracks zur Kommode im Wohnzimmer. „Ich zeige dir, wo dein Geschenk versteckt ist. Das ist ein Geheimnis.“ Eifrig wird ein Schächtelchen aus einem Stoffbeutel gezogen, ich blicke in erwartungsvoll-freudige Kinderaugen. Und lächle. Schließlich ist es wunderbar, ein Geheimnis anvertraut zu bekommen. Dieses ist dann wohl ein gutes.

Zweites Kinderbuch von Clemens Fobian und Mirjam Zels

Im Kinderbuch „Soll ich es sagen? Eine Geschichte über Geheimnisse“ erklärt Clemens Fobian, dass es neben guten Geheimnissen auch schlechte gibt. Die unbedingt verraten werden müssen. Der Verlag Marta Press gibt damit nach „Die Gefühle Bande“ ein weiteres Buch des Autors mit Illustrationen von Mirjam Zels heraus.

Das geheime Geburtstagsgeschenk und ein Fenster in Scherben

Wieder begleiten wir Ramin, den kleinen Jungen, den wir im Buch um die sechs bunten Gefühlewesen bereits kennengelernt hatten. Bald hat er Geburtstag, am selben Tag wie sein bester Freund Paul. Was er ihm zu diesem besonderen Anlass schenkt, wird nicht verraten. Denn es ist ein Geheimnis, sagt Ramins Mutter.

Dasselbe sagt jedoch auch ein großer Junge, der beim gemeinsamen Fußballspiel eine Fensterscheibe zerschießt. Und, dass etwas Schlimmes passiert, wenn Ramin es jemandem erzählt. Kein Wunder, dass Ramin verzweifelt ist. Er hat Angst, ist hilflos.

In den nächsten Tagen holt sich Ramin Rat bei einer Bekannten und seinem Onkel. Er will unbedingt herausfinden, was es mit diesen Geheimnissen auf sich hat. Und ob er das vom großen Jungen, mit dem er sich so unwohl fühlt, nicht doch verraten darf.

Soll ich es sagen? Unbedingt!

Einfühlsam begleitet Clemens Fobian seinen mutigen Protagonisten bei der gleichermaßen spannenden wie ängstigenden Suche nach Antworten. Und reflektiert dabei immer wieder dessen Gefühlswelt. In kindgerecht beschriebenen Alltagsszenen findet Ramin nach und nach die Lösung und vertraut sich letztlich seiner Mutter an. Er ist erleichtert. Es fühlt sich gut an. Das schlechte Geheimnis endlich verraten zu haben.

Von guten und schlechten Geheimnissen

Einmal mehr bettet Clemens Fobian eine überaus wichtige Botschaft in allgemein bekannte Situationen ein – Geburtstag und Geschenke, Spielen und Streit. Zwei Begebenheiten, zwei Geheimnisse. Ein gutes, ein schlechtes. Deutlich benennt der Autor die Unterschiede, mehr noch: wir dürfen sie gemeinsam mit Ramin herausfinden.

Das gute Geheimnis fühlt sich ebenso an. Wohlig, freudig. Es birgt eine Überraschung, die einen Freund, Verwandten oder Bekannten fröhlich stimmen soll. Niemandem wird damit Schaden zugefügt. Das Geheimnis darf geheim bleiben.

Das schlechte Geheimnis hingegen macht Kummer und vielleicht sogar ein seltsames Gefühl im Bauch. Es darf und muss unbedingt verraten werden. Am besten einer ganz vertrauten Person.

Im Gespräch miteinander bleiben

Clemens Fobian verdeutlicht liebvoll und doch mit Nachdruck, wie wichtig es ist, zu reden. Im Gespräch zu sein und zu bleiben. Als Eltern Vertraute zu sein. Offen, aufmerksam und ehrlich interessiert für die Stimmungen derer, die wir am allermeisten lieben. Um reagieren zu können. Um sanft zu fragen, wenn sprechen schwer fällt.

Diversität in Text und Bild

Ganz nebenbei zeigt Clemens Fobian, wie vielseitig Familie sein kann und wie bunt das Leben. Kein Charakter ähnelt einem anderen, Stereotype werden gebrochen und in vielen Punkten ist schlicht Raum für eigene Interpretationen. So kocht in Ramins Familie offenbar der Papa, während Mama an der Werkbank den Staubsauger repariert. Ramins Freund Paul lebt mit seinen zwei Vätern zusammen. Und er bekommt nicht etwa das von Ramins Mutter favorisierte Spielzeugauto zum Geburtstag, sondern einen Glitzerstift. 
Mirjam Zels vertieft das Thema Diversität in ihren Illustrationen. Die Bilder in Collagen-Mischtechnik sind kunterbunt und enorm detailreich. Ohne dabei in irgendeiner Form schrill oder überladen zu wirken. Farbflächen und fein gemusterte Elemente aus gescannten Papieren, handgezeichneten Strukturen, Buntstift- und digitalen Zeichnungen harmonieren miteinander. Sie untermalen die Vielfalt des Gezeigten. So unterscheiden sich die Protagonisten in Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Körperbau und Kleidungsstil. Wir erleben sie in einer Vielzahl unterschiedlicher, alltäglicher Handlungen. Mit Leichtigkeit können wir uns darin erkennen. Und vielleicht sogar eines unserer Geheimnisse.

Detailreiche Illustrationen bieten Gesprächsgrundlage

Die Illustrationen mit ihren vielen zu entdeckenden Kleinigkeiten bieten darüber hinaus Grundlagen für Gespräche. Sie vertiefen die überschaubaren Textpassagen und schaffen den Rahmen für eigene kleine Geschichten.
Ob die auf der Bank sitzende, zeitunglesende Frau wohl noch erfährt, dass ihr Hund heimlich vom Eis eines Mannes nascht? Oder bleibt es das Geheimnis des Vierbeiners? Welches Geheimnis Ramins Onkel Andy seiner Freundin Marie da nur ins Ohr flüstert? Und wieso bloß gießt der Mann aus dem dritten Stock die Blumen auf dem Balkon darunter – aus dem geöffneten Fenster heraus?

Präventivlektüre für Klein und Groß

Clemens Fobian – Mitbegründer der Fachberatungsstelle basis-praevent, die bei sexueller Gewalt gegenüber Jungen berät – und Miriam Zels ist mit „Soll ich es sagen? Eine Geschichte über Geheimnisse“ ein Buch gelungen, das in das (Kinder-)Bücherregal aller Eltern und derer gehört, die in ihrem Berufsleben mit Kindern zu tun haben. Denn Kindern die Sicherheit zu geben, dass schlechte Geheimnisse verraten gehören, ist eine ungemein wichtige Präventivmaßnahme. Kinder haben oftmals ein gutes (Körper-)Gefühl für eigene Grenzen. Wir müssen sie dringend ermutigen zu reden. Für den Fall, dass diese überschritten werden.

Inzwischen weiß ich nun also, wo das Geschenk versteckt liegt, das ich in zwei Tagen bekommen soll – ein schönes Geheimnis. Was sich in der kleinen Schachtel verbirgt, weiß ich jedoch noch nicht. Ich habe nicht so genau hingesehen. Denn Überraschungen, die mag ich.

Titel: Soll ich es sagen? Eine Geschichte über Geheimnisse
Urheber: Clemens Fobian (Autor), Mirjam Zels (Illustratorin)
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Umfang: 36 Seiten, gebunden
Maße: 22 x 22 cm
Herausgeber: Marta Press UG
Veröffentlichung: 2019
ISBN: 978-3-944442-78-5
Preis: 16,00 Euro

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag Marta Press/Mirjam Zels

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „Soll ich es sagen? Eine Geschichte über Geheimnisse“ zur Verfügung gestellt, er ist demnach Werbung. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für das Buch und die vertrauensvolle und herzliche Kommunikation, liebe Jana Reich! ♡

Weitere BUCHentdeckungen aus dem Verlag Marta Press findet ihr hier.

Unsere Rezension zum Kinderbuch „Die Gefühle Bande“, ebenfalls von Clemens Fobian und Mirjam Zels, könnt ihr hier nachlesen.

Alle BUCHentdeckungen sind hier gesammelt.

8 Kommentare

  1. Das klingt nach einem wirklich tollen Buch, zu einem schwierigen Thema. Manchmal wissen wir Erwachsenen ja noch nicht mal richtig mit Geheimnissen umzugehen. Vielen Dank für die tolle Vorstellung.

    Alles Liebe

    Freya

  2. Liebe Anja,
    Was für ein spannendes Kinderbuch. Das klingt doch so, dass Kinder darin auch lernen, zu reflektieren, welches Geheimnis Kinder erst einmal für sich behalten sollten (Geburtstagsgeschenk) und welches Geheimnis sie einem Erwachsenen anvertrauen sollten. Wenn Kinder auf diese Art spielerisch lernen, sich bei etwas Schlimmen jemandem zu öffnen, dass ist enorm viel gewonnen. Daher kann ich deine Einschätzung, dass das ein Buch ist, das alle Eltern kennen sollten, durchaus teilen.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

  3. Ich habe für die Arbeit einen Satz Karten, bei denen meine Therapiekinder auch überlegen sollen, wie sie handeln würden. Da sind auch Szenen dabei, wo etwas zu Bruch geht! Und ein Fußball spielt auch eine Rolle 🙂

    Ich finde solche Materialien und Bücher toll und es ist interessant, zu schauen, wie sich die Kinder darüber Gedanken machen. Das Thema Geheimnisse aufzugreifen finde ich sehr wichtig! Gibt es doch Geheimnisse, die man nicht für sich behalten sollte!

    Liebe Grüße
    Jana

  4. Das ist ein super wichtiges Thema! Wir achten zu Hause auch drauf dass wir nie Sachen sagen wie „Das sag aber besser nicht der Mama“ oder „Das ist unser Geheimnis, dass darf der Papa nicht wissen“. Unser Kind soll wissen dass es Mama und Papa alles erzählen darf, auch wenn andere sagen es ist ein Geheimnis. Gute Geheimnisse können wir dann auch wunderbar für uns behalten, und schlechte sind auch gut aufgehoben bei uns.

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