WIEVIEL LEBEN PASST AUF FÜNF QUADRATMETER? (Rezension: Die Ecke)

* Was würden wir wohl alles mitnehmen, wenn wir uns in einer leeren, weißen Ecke einrichten müssten? Was brauchen wir, um uns sicher und geborgen, um uns wohl zu fühlen? Was, um zufrieden und glücklich zu sein? Und passt das alles tatsächlich in eine einzige Ecke?

Diese und ähnliche Fragen wirft das Kinderbuch „Die Ecke“ auf, Antworten inklusive. Gezeichnet von der südkoreanischen Illustratorin ZO-O, deren Pseudonym für „Krähen-Zoo“ steht, kommt die Bildergeschichte aus dem Verlag Urachhaus dabei (fast) ohne Worte aus.

Bett, Bücher und Musik: Woher kommt Geborgenheit?

Passend zum Pseudonym der Illustratorin treffen wir in der zunächst leeren Ecke eine Krähe an. Sie setzt sich in die Ecke. Sie versucht es mit Liegen, die Beine an der Wand hochgelegt. Doch gemütlich ist es offenbar nicht. Ein Bett muss her. Ein Teppich, ein Regal mit Büchern, eine Lampe. Eine Topfpflanze. Eine Gießkanne, um selbige mit Wasser zu versorgen. Eine große Schale für die Frühstückskörner, eine Tasse. Ein Radio – Musik zum Tanzen. Gelbe Kreide zum Bemalen der Wände.

Von Seite zu Seite richtet sich der Vogel mehr in der Ecke ein. Die anfangs leere, kalte, leblose Ecke wird zur ganz persönlichen Ecke des schwarzgefiederten Protagonisten. Zu einem gemütlichen Raum, der uns einiges über die Krähe verrät. Sie liest und tanzt – oder ist es Krähen-Yoga? – und baut eine innige Beziehung zu ihrer Pflanze auf. Welche unter der Zuneigung prächtig gedeiht. Anfangs nicht viel mehr als ein Spross, ist schließlich zum Gießen eine Leiter nötig.

Die Ecke wird zum Rückzugsort, zum Wohn- und Lebensraum. Die Pflanze zum grünen Mitbewohner. Doch irgendetwas fehlt. Mit schwerem Gerät ausgestattet, tut die Krähe schließlich Unvorhergesehenes.

Bildergeschichte vom Innen und vom Außen

Mit Leichtigkeit, Ruhe und einem herrlich unaufdringlichen Augenzwinkern nähert sich die im Jahr 1988 geborene Illustratorin einem Thema, welches leider spätestens seit der Corona-Pandemie jeglicher Unbeschwertheit entbehrt. Denn obwohl das Bilderbuch in Korea vor der Vielzahl verschiedener Intensitäten von Kontaktbeschränkungen erschien, kommt gewiss dem ein oder anderen Betrachter die Situation erschreckend bekannt vor. Auch wenn wir noch so gut darin sind, uns ein heimeliges Nest zu bauen – das Innen lebendig zu gestalten -, brauchen wir irgendwann das bunte Leben, das sich vor unserer Tür abspielt, Mitmenschen, Natur – das Außen.

Detailreiche Zeichnungen laden zum Geschichtenerzählen ein

Weshalb jedoch die Krähe in ihrer Ecke ist, erfahren wir nicht. Aus freien Stücken? Umzug, Auszug aus dem Krähenelternhaus? Des der Witterung ausgesetzten Nestes überdrüssig? Gar Quarantäne? Genau dieser Aspekt macht das Bilderbuch so vielseitig. Jeder kann der Krähe eine eigene Geschichte geben. Seine Geschichte oder eine erdachte. Oder bei jedem Anschauen eine neue. Für die Ausgestaltung geben die vielen Kleinigkeiten in den Zeichnungen allerbeste Vorlagen. Zu welcher Musik tanzt die Krähe wohl? Oder ist es ein Hörbuch, dessen Hauptrolle sie nachspielt? Und was trinkt so eine Krähe aus ihrem gelben Becher? Wasser, Kaffee, Tee? Ist Gelb ihre Lieblingsfarbe oder Blau? Was hat es mit ihren Büchern „windows“ („Fenster“), „brick“ („Ziegel“) und „concrete“ („Beton“) auf sich, die innenraumgestalerische Relevanz versprechen? Und woher eigentlich holt sie die vielen Dinge, mit denen sie nach und nach ihre Ecke gestaltet?

Klare und raffinierte Bildgestaltung

Das sehr schmale Hochformat des Buches bedingt die nahezu quadratischen doppelseitigen Zeichnungen. Die Farbgebung ist anfangs geprägt von den Grautönen der Ecke selbst. Mit den Einrichtungsgegenständen kommen verschiedene Blauvarianten hinzu und schließlich das warme Gelb der bemalten Wände, welches sich in kleinen Details wie der Tasse und den Kreidestücken wiederfindet. Diese Veränderung der Farbstimmung findet sich im Vorsatzpapier wieder, welches passenderweise vorn grau und hinten gelb ist.

Der grundlegende Aufbau der Zeichnungen ist nahezu identisch, die Bildsprache klar und unmissverständlich. Wir blicken frontal in die Ecke, sie ist das Zentrum einer jeden Doppelseite. Lediglich die letzte Doppelseite weicht davon ab. Zwar zeigt sie ebenfalls frontal dieselbe Ecke, jedoch aus einer völlig unerwarteten Perspektive.

Nahezu stilles Bilderbuch erzählt große Geschichte

Das Tempo, in dem sich die Krähen-Ecke wandelt, ist ruhig. Die Veränderungen je Doppelseite sind überschaubar. Anhand der wachsenden Pflanze ist zu erahnen, wie die Zeit vergeht. Ein weiteres überaus raffiniertes Detail, mit dem die 2017 beim Wow-Bookfest in Seoul Erstplatzierte aus der Bilderfolge eine Geschichte mit beeindruckender Tiefe konstruiert, die tatsächlich nur sehr weniger Worte bedarf.

Diese wenigen Worte sind prägnant gesetzt. Nur sechs Sätze, zum Teil bestehend aus nur einem Wort, sind im Laufe der vierundsechzig Seiten zu lesen. Sie geben uns einen Einblick in die Gedankenwelt der Krähe und sind einseitiger Austausch mit der Pflanze.

Die Anordnung der Schriftzüge wandelt sich mit der Ecke. Sind die Textzeilen anfangs waagerecht auf die weiße Wand gedruckt, erscheinen sie auf der gelben Wandbemalung perspektivisch. Selbst die Rechtehinweise auf dem innenliegenden Titelblatt orientieren sich an der Perspektive der Ecke.

Die Ecke: Gelassenheit und Augenzwinkern nehmen der Schwere das Gewicht

Ein ungemein feinfühliges Bilderbuch für alle Altersgruppen, ruhig und an genau den richtigen Stellen humorvoll, welches fast wie aus Versehen ein inzwischen großes, schweres Thema aufgreift. Und es ganz leicht erscheinen lässt.

Neue Farben bekommt unterdessen unsere Ecke. Fingerfarben. Die auf großen Papierbögen lebendigbunt Spuren kleiner Kinderhände zeigen.

Titel: Die Ecke
Urheber: ZO-O
Altersempfehlung: ab 3 Jahren
Umfang: 64 Seiten, Gebunden
Maße: 28.2 x 14.7 cm
Herausgeber: Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus
Veröffentlichung: 1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8251-5278-9
Preis: 16,00 Euro

Original Titel: Corner
Original Verlag: Woongjin Thinkbig Co., Ltd., Südkorea
Original Sprache: Koreanisch

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „Die Ecke“ zur Verfügung gestellt. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. Ein herzliches DANKE für das schöne Buch und, an Claudia Rehm, für die unkomplizierte und herzliche Kommunikation! ♡

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4 Kommentare

  1. Das klingt wirklich sehr interessant. Meine erste eigene Bude war 1980 nicht viel größer als die Ecke – 7 Quadratmeter. Ich hab’s mir recht gemütlich gemacht dort, aber tatsächlich wäre es ohne das bunte Leben draußen total unerträglich gewesen. Für Quarantäne wäre das trotz der Gemütlichkeit sicher nichts gewesen. Ich wäre die Wände rauf- und runtergekrabbelt… Das Buch macht mich jedenfalls neugierig…
    LG Renate von Trippics

  2. Ich habe das Buch mal gegoogelt und da noch ein paar Seiten aus dem Innenleben gesehen und ich muss sagen, das Buch lädt wirklich zum Erzählen ein! Und genau sowas brauche ich für die Arbeit! Bücher mit Bildern, zu denen ich nicht viel sagen muss, weil es offensichtlich ist, womit sie sich einrichtet, was sie als wichtig in ihrer Ecke empfindet! Und kreativ sein kann man auch noch, weil man doch hier und da etwas hineininterpretieren muss! Echt tolles Buch!

    LIebe Grüße
    Jana

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