MIT DEM SCHAUKELPFERD ZUM MOND (Rezension: Das große Geschichtenbuch)

* „Schau mal, Mama. Dort oben fährt eine Eisenbahn“, ruft das Kind aufgeregt. Dort oben, das ist die graubraune Decke unseres Hotelzimmers, von weißen Linien in Quadrate unterteilt. Die hellen Metallkanten sind die Schienen, ist ja klar. Genauso klar wie die Farbe der Bahn. Blau, zufällig. Wie die Lieblingsfarbe des Kindes. Ich schließe die Augen und sehe die Lok mit ihren zwölf Waggons über uns eckige Kreise ziehen. Herrlich bunt und voller Abenteuer ist sie, die Welt durch Kinderaugen betrachtet.

Und mit jeder Erzählung aus „Das große Geschichtenbuch“, einer Sammlung von neunundzwanzig Werken Paul Biegels, tauchen wir ein in diese wundersame Welt, in der Wirklichkeit und Fantasie miteinander verschmelzen. Kürzlich herausgegeben vom Verlag Urachhaus, gibt der Titel nicht nur einen Einblick in das Schaffen des niederländischen Schriftstellers, der dafür wiederholt mit dem Silbernen und dem Goldenen Griffel ausgezeichnet worden ist. Das in Halbleinen hochwertig gebundene Buch im handlichen Format, stimmungsvoll illustriert von Charlotte Dematons, bietet Lektüre für viele gemütliche (Vor-)Lesestunden. Mit Geschichten, denen es weder an Abenteuer noch an Zauber mangelt.

„Das große Geschichtenbuch“: Paul Biegel zeigt die Welt durch Kinderaugen

Die einzelnen Erzählungen stehen nicht im Zusammenhang miteinander und können je nach Leselust unabhängig voneinander und in beliebiger Reihenfolge entdeckt werden. Überwiegend kurze Geschichten eröffnen uns an ganz und gar unterschiedlichen Schauplätzen und mit ebenso vielfältigen Charakteren ein farbenreiches Potpourri an Traumwelten. Die als eben diese und nur als diese gelesen werden können. Wundersame Märchen. Denen es zugleich jedoch an Tiefe nicht fehlt. Denn hinter der kleinkindtauglichen Fassade, die mitnichten einstürzen muss, wohl aber darf, verbirgt sich oftmals ein raffinierter Kern, über den es sich zu reden lohnt. Mit einem Ende, das schmunzeln lässt. Oder staunen. Oder beides.

So findet der Fischer just in dem Augenblick, als die Flut ihn erfasst, einen salzigen Goldfisch. Der Mann verliert das Bewusstsein, die Wellen spülen ihn an den Strand, wo er erwacht. Welch seltsamer Traum. Oder ist genau dies, das Erwachen, der Traum? Denn wieder begegnet der von der Königin mit der absurden Suche Beauftragte dem ungewöhnlichen Meerestier. Welches es doch eigentlich gar nicht geben kann.

Oder die köstliche Torte, gezaubert von Jonathan. Gab es sie wirklich? Die Tortenplatte lag unverändert sauber und glänzend auf dem Boden. Genau dort, wo der Junge, dessen Zauberhut der Wind davontrug, sie zurückgelassen hatte. Nach fast komplett ausgesprochenem Zauberspruch. Nun, deshalb fehlten wohl die Fähnchen und Kerzen auf der Torte, über die sich schließlich zwei Hunde hermachten. Und den Tortenteller blitzblank geschleckt zurückließen.

Und was ist mit dem Jungen, der fliegen wollte? Im Traum bekommt er Flügel übergestreift. Doch wo sind plötzlich seine Arme, als er doch wach mit seiner Mutter am Esstisch sitzt? An deren Stelle befinden sich Flügel. Tatsächlich. Aus roten Federn. Wie unpraktisch, denn vom vielen Fliegen hat der Junge großen Hunger. Und ohne Hände zu essen, erweist sich als äußerst schwierig. In diesem Moment scheint es ganz sicher, dass er wach ist. Oder etwa nicht?

Was hat es mit den Kitzelhänden auf sich, die wie auf Kommando Berts Gegenüber necken, sobald er bis Drei zählt? Wird Olivia vom vielen Salatessen und langen Schlafen, dicht umwickelt mit Bindfaden wie in einem Kokon, wirklich zum Schmetterling? Und wer oder was hat Bauer Japik nachts in den Wald gelockt, wo er ausgelassen tanzend verstirbt?

Die Zauberwelt beginnt mitten in der Wirklichkeit

Kindliche Herzenswünsche – oder auch mal Ängste – und Realität sind bei all dem so vielschichtig und zugleich wie selbstverständlich miteinander verwoben, dass Träume tatsächlich wahr werden. Bis zum nächsten Morgen. Mindestens.  
Paul Biegels Schreibstil ist getragen von großer Leichtigkeit. Beinahe, als würde er uns eben diese Geschichten erzählen. Ein Wort reiht sich wie von selbst an das nächste, ein Satz fügt sich ungezwungen an den anderen. Unmögliches wird wahr.

Paul Biegel erzählt vom Leben. Und vom Tod.

Für ein Kinderbuch ungewöhnlich oft – in unseren Augen zu oft – ist der Tod Thema. Unaufdringlich und selbstverständlich, wie andere Ereignisse auch, fügt er sich in die Geschichten. Ohne Angst zu verbreiten zwar. Doch ein mulmiges Gefühl bleibt. Zumindest bei uns Eltern. Unser Kind nämlich scheint es mitnichten zu stören.

Gestolpert sind wir außerdem über den zwar von Erwachsenen oftmals gewünschten, doch unserer Auffassung nach unbedingt überholten, kindlichen Gehorsam. Wenn beispielsweise ein Junge „brav“ im Nebenzimmer warten soll, während seine Mutter am Bett des kranken Großvaters wacht. Und es dann doch nicht tut. Gut so. Uns zumindest sind diese lauten, wilden Kinder, die voller Neugier und Mut die bunte Welt entdecken, um einiges lieber.

Solche, die sich trotz der Skepsis Erwachsener nicht davon abbringen lassen, im Park mit Pfeil und Bogen Drachen zu jagen. Diejenigen, die sich königliche Welten aus Papier basteln und sie mit Fantasie lebendig werden lassen. Und jene, die nachts mit ihrem Schaukelpferd nach Spanien reiten. Und zum Mond. Von denen allen Paul Biegel eindrucksvoll erzählt.

Mehr noch, an deren Träumen er uns teilhaben lässt. Seine Geschichten malen uns Kinderwelten in den Kopf. Detailreich und echt. Farbenprächtig und klangvoll. Und regelrecht zu hören. Lautmalerische Worte, kursiv vom übrigen Text abgehoben, schaffen eine weitere Ebene der sinnlichen Wahrnehmung der Erzählungen. Sie lassen uns dem Flügelschlag des Schwanes lauschen, sie rufen uns das Geräusch von am Strand unter den Füßen zerbrechenden Muscheln in Erinnerung, sie bringen uns ganz nah an das hoppelnde Kaninchen, sie singen das Lied der Zwerge, der Nebelkinder, der verzauberten Steine.

Farbenprächtige Zeichnungen Charlotte Dematons‘ lassen uns (Kinder-)Träume spüren

Ähnlich zaghaft und nicht weniger bedeutungsvoll ziehen sich den einzelnen Geschichten zugeordnete Symbolbilder durch das Buch. In Umrissen zeigen die mittig am oberen Seitenrand platzierten Zeichnungen ein für die jeweilige Erzählung charakteristisches Motiv. Die winzigen Bildchen, wie die farbigen Illustrationen gezeichnet von Charlotte Dematons, helfen nicht nur beim schnellen Auffinden der liebsten Geschichte im Buch. Ebenso im Inhalt hinter den entsprechenden Titeln vertreten, lassen sie bereits die allerkleinsten Geschichtenfreunde munter das Verzeichnis „lesen“. Eine riesengroße Freude für unser Lesekind.

Neben diesen neunundzwanzig den Erzählungen zugeordneten Schwarz-Weiß-Illustrationen schmücken einhundertzwölf farbstarke Werke Charlotte Dematons‘, welche durchaus als Kunst-Werke betitelt werden können, den Geschichtenband. Die oft seitenfüllenden und auch mal doppelseitigen Zeichnungen der studierten Künstlerin aus Haarlem sind von beeindruckender Tiefe und voller Details, welche den Blick in jeden Winkel locken. Die Farbstimmung ist facettenreich, dabei angenehm natürlich, und variiert von Geschichte zu Geschichte.

Die atmosphärischen Bilder führen uns mitten in die zauberhafte Märchenwelt Paul Biegels, machen sie uns visuell greifbar und helfen – sofern noch nötig – der eigenen Fantasie auf die Sprünge. Dabei zeigen sie mitnichten nur den Inhalt der Geschichten. Die Zeichnungen sind viel mehr noch als bildliche Begleitung. Sie wecken Emotionen. Sie lassen uns mit den kleinen und großen Protagonisten fühlen. Die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie sind mutig und ängstlich, Träumer und Realisten, schwarz und weiß, allein und in Gesellschaft. Sie sind Tiere, Pflanzen, Menschen und Fantasiewesen. Charlotte Dematons gibt ihnen in ihrer Vielfalt Gestalt. Es wundert nicht, dass sie unter anderem 2006 für ihre Illustrationen der Märchen der Brüder Grimm mit dem Silbernen Pinsel ausgezeichnet worden ist.

Facettenreiches Spiel zwischen Wort und Bild

Um einzelne Motive fließt zurückhaltend der Text, er überlagert Zeichnungen je nach Helligkeit derselben mal in Schwarz, mal in Weiß. Jedoch stets, ohne sie zu verdecken. Hier und da übernehmen Absätze gestalterische Funktionen, schweben als auf die Spitze gestelltes Dreieck in zentrierten Zeilen über einem Haus, puffen wortgruppenweise aus einem Zauberhut, nebst kunterbuntem Konfetti. Eine überaus stimmige Symbiose.

Die Geschichtensammlung ist ein wahrer Buchschatz, der uns auf Text- und Bildebene in Träume eintauchen, sie uns erleben lässt. Und uns mitnimmt in eine gleichermaßen fantastische und beinahe wirkliche Wunderwelt, in der nichts unmöglich scheint. Ein Meisterwerk. Ein glitzerndes, ein schillerndbuntes Geschichtenfeuerwerk.

Titel: Das große Geschichtenbuch
Urheber: Paul Biegel (Autor), Charlotte Dematons (Illustratorin)
Altersempfehlung: ab 4 Jahren
Umfang: 176 Seiten, Halbleinen
Maße: 24 x 17 cm
Herausgeber: Verlag Urachhaus
Veröffentlichung: 1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8251-5285-7
Preis: 25,00 Euro

Original Titel: Groot Biegel sprookjesboek
Original Verlag: Gottmer Uitgevers Groep b.v., Haarlem
Original Sprache: Niederländisch
Übersetzerin: Eva Schweikart

Fotos: Anja Jürges/STADT LAND WELTentdecker
Cover/Titelgrafik: Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus

* Für den Beitrag wurde uns ein Rezensionsexemplar des Buches „Das große Geschichtenbuch“ zur Verfügung gestellt. Der Text ist unbezahlt und zeigt lediglich unsere Erfahrungen und Meinung. DANKE für das schöne Buch und die vertrauensvolle, unkomplizierte und herzliche Kommunikation, liebe Claudia Rehm! ♡

Weitere Bücher aus dem Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus stellen wir euch hier vor. All unsere BUCHentdeckungen sind hier gesammelt.

10 Kommentare

  1. Liebe Anja,

    da habt ihr scheinbar einen ganz tollen Kinderbuchschatz gehoben. Ich kenne das Gefühl, wenn ich in Büchern für Kinder oft dem Thema Tod begegne und ich dann ein Magengrimmen bekommen. Interessanterweise ist das für Kinder aber oftmals gar nicht der Knackpunkt. Und schön ist es doch, wenn das Thema unaufdringlich bleibt und keinerlei Ängste schürt. Das gefällt mir.
    Herzlichen Dank für diesen Tipp.

    Liebe Grüße
    Mo

  2. Hallo liebe Stadt-Land-Welt-Entdecker,
    wir lieben Bücher mit kleinen Geschichten zu Vorlesen – zumindest solange es klassische Märchen sind. Unter den anderen Geschichtensammlungen haben wir auch leider so manche Enttäuschung im Regal stehen. Paul Biegel kannte ich noch nicht und was ihr schreibt macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Bastian

  3. Ich finde, das klingt nach einem richtig tollen Kinderbuch mit sehr viel Phantasie und Originalität. Toll finde ich, dass die Geschichten unabhängig voneinander sind. Und Deine kleinen Anfütterungshäppchen machen jedenfalls mir ordentlich Appetit. Das Buch wird mir sicher gefallen.
    LG Renate von Trippics

  4. Liebe Anja,
    Ich finde es spannend, wie du über das Thema Tod schreibst. Also, dass es für dich etwas zu oft vorkam, das Kind davon aber gar nicht beeindruckt war. Ich glaube, das spiegelt enorm gut das Verhältnis zum Tod wider. Für uns Erwachsene ist es etwas, das Angst macht, für Kinder ist es noch eine recht natürliche Sache, die dazu gehört.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

  5. Liebe Anja, bei dir finde ich immer ganz außergewöhnliche Kinderbücher, über die ich noch nie zuvor gestolpert bin! Paul Biegel war mir bis eben auch kein Begriff, obwohl ich ganz kurz das Gefühl hatte, den Namen irgendwoher zu kennen, nur woher? Ich komme nicht drauf! Auf jeden Fall schöne fantasievolle Geschichten, in denen auch das traurigste Thema von allen nicht unter den Teppich gekehrt wird!

    Liebe Grüße
    Jana

    • Liebe Jana,
      gewiss hast du schon einmal von Paul Biegel gehört – er hat mehr als fünfzig Bücher verfasst und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Vielleicht hast du ja sogar eines seiner Bücher in deinem Regal? 🙂
      Herzliche Grüße
      Anja

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